Haarausfall

Die Behaarung des Kopfes ist individuell, das heißt erblich festgelegt und geschlechtsgebunden. Das Wachstum eines jeden Haares unterliegt einem Rhythmus. Von den 100.000 bis 150.000 Kopfhaaren fallen, je nach Alter, etwa 50 bis 100 täglich aus, um durch neue ersetzt zu werden. Die Kopfhaare wachsen durchschnittlich 1 cm im Monat, ihre Lebensdauer beträgt 2 bis 6 Jahre. Als Alopezie bezeichnet man den Haarausfall, der über diesen natürlichen Haarwechsel hinausgeht und je nach Ausprägung zu Haarlichtung, umschriebener Kahlheit oder völligem Haarverlust führt. Bei der Alopezie wird zwischen der reversiblen (umkehrbaren) und der permanenten (dauerhaften) Form unterschieden. Nachfolgend werden der hormonell bedingte Haarausfall der Frau und der androgenetische Haarausfall des Mannes und der Frau besprochen.

Der hormonell bedingte, diffuse Haarausfall (Alopecia diffusa) der Frau ist reversibel und wird nach der Einnahme der Pille, nach Entbindungen und bei Eintritt der Wechseljahre (Menopause) beobachtet. Die Beendigung einer Schwangerschaft durch Abort oder Entbindung und das Absetzen oder Wechseln oraler Kontrazeptiva (Antibabypillen) beeinflussen das Follikelwachstums des Haares und führen so zu diffusem Haarausfall (telogenem Effluvium). Meist tritt 2 – 4 Monate nach Beendigung einer Schwangerschaft verstärkter Haarausfall am gesamten behaarten Kopf einschließlich der Schläfen und Hinterhautregion auf. Der Zustand normalisiert sich spontan nach einigen Monaten. Dieser Haarausfall wird dadurch erklärt, dass während der Schwangerschaft die Haare länger in der Wachstumsphase bleiben und der normale Haarwechsel somit vermindert ist. Nach der Entbindung treten allerdings „überschießend“ bis zu 30 % der Haaranlagen in eine Telogenphase (Haarwechselphase) ein, die schließlich zum vermehrten Haarausfall führt. Allerdings sieht man fast immer nahe der Hautoberfläche kurze nachwachsende Haare, die feiner als ältere Haare sind und an den Enden spitz zulaufen.

Orale Kontrazeptiva (Antibabypillen) können während der ersten 2 – 4 Monate als Zeichen einer hormonellen Anpassungsphase zu einem leicht erhöhten Haarausfall führen, der sich wieder ausgleicht. Nach Absetzen der Antibabypille tritt – wie nach einer Schwangerschaft – 2 – 4 Monate später ein erhöhter Haarausfall auf, der sich in den nächsten Monaten normalisiert.

In den Wechseljahren führen die hormonellen Veränderungen zu einem Abfall der Östrogene und einer relativen Vermehrung der Androgene (männlichen Hormone).

Bei dem Haarausfall nach der Schwangerschaft oder dem Wechsel bzw. Absetzen der Antibabypille ist eine Therapie nicht dringend erforderlich. Da die Haarfollikel funktionstüchtig bleiben, stellt sich nach „Einpendeln“ der Hormonspiegel der normale Haarzyklus wieder ein. Unterstützend werden häufig innerlich Kombinationspräparate mit Vitaminen, Cystin und Gelatine oder mit Biotin, zum Teil auch mit Biotin und Zink für mindesten 3 – 6 Monate gegeben. Die äußerliche Behandlung mit östrogenhaltigen Kopfhauttinkturen, die Estradiolbenzoat oder 17-alpha-Estradiol enthalten, kann versucht werden und mildert bei einigen Patientinnen den Haarausfall.

Im Rahmen der Wechseljahre erscheint die äußerliche Anwendung östrogenhaltiger Kopfhauttinkturen (Estradiolbenzoat, 17-alpha-Estradiol) ratsam. Das Östrogendefizit kann durch Verabreichung innerlicher Östrogenpräparate ausgeglichen werden.

Bei der Alopecia androgenetica des Mannes und der Frau handelt es sich um einen vererbten, dauerhaften Haarausfall. Diese Form wird überwiegend beim Mann beobachtet, betrifft aber auch die Frau. Die Ursache ist bei Frau und Mann in einer ererbten Überempfindlichkeit der Haarfollikel gegenüber den Androgenen, speziell dem Dihydrotestosteron, zu sehen. Der Haarzyklus wird dadurch verkürzt, die nachwachsenden Haare sind dünner und bilden sich zurück, da die Haarfollikel ihre Funktion einstellen.

Diese Alopezie macht beim Mann etwa 95 % und bei der Frau bis zu 90 % aller Haarausfälle aus. Beim Haarausfall vom männlichen Typ treten die Haarfollikel vermehrt in eine Telogenphase ein oder die Telogenphase ist verlängert. In den folgenden Haarzyklen verkürzt sich die Anagenphase immer mehr. Die nachwachsenden Haare werden kürzer und dünner und schließlich bilden sich nur noch feinste, farblose Wollhaare. Der androgenetische Haarausfall und die sich bildende männliche Glatze sind irreversibel. Der Haarausfall vom männlichen Alopezietyp beginnt im frühen Erwachsenenalter. Entscheidend für das Auftreten ist die erbliche Belastung. Daneben spielt die Zunahme der Androgene, der männlichen Keimdrüsenhormone, in der Pubertät eine entscheidende Rolle. Anfänglich wird ein Zurücktreten der Stirn-Haar-Grenze an den Schläfen mit „Geheimratsecken“ bemerkt. Es folgt zusätzlicher Haarausfall über dem Hinterhaupt (Tonsur). Zunehmend breitet sich die Haarlichtung von der Stirn nach hinten aus. Schließlich bleibt ein hufeisenförmiger, seitlicher und hinterer Randbereich behaart.

Auch bei der Frau macht der androgenetische Haarausfall etwa 90 % aller Alopezien aus. Entscheidend ist wie beim Mann die ererbte Überempfindlichkeit der Haarfollikel gegenüber den Androgenen. In der Pubertät weisen etwa 80 % der Frauen eine leichte Haarlichtung im Bereich der Geheimratsecken auf. Bei etwa 25 % der Frauen kommt es nach den Wechseljahren auch zu einer Haarlichtung im Bereich der Scheitelregion. Beim ausgeprägten Alopezietyp der Frau findet sich ein deutlicher Haarverlust über den Scheitelbeinen mit Geheimratsecken. Anders als bei Männern bleibt bei Frauen im Bereich der Stirnregion ein vorderer Haarsaum erhalten.

Behandlung bei Männern: Die männliche Glatzenbildung ist ein sekundäres Geschlechtsmerkmal und stellt letztendlich keine Krankheit dar. Krankheitswert erhält sie durch die starke psychische Belastung. Bei Therapie der androgenetischen Alopezie sollte der Patient darüber aufgeklärt werden, dass die konsequente Behandlung Jahre, meist Jahrzehnte, dauert und dass sich nach Absetzen der Therapie der Haarverlust fortsetzen wird.

Bei leichten Formen des Haarausfalls werden äußerlich Tinkturen mit Sabalextrakt eingesetzt, zum Teil in Kombination mit Zinksulfat, Vitaminen und Aminosäurekomplex. Es wird öfter eine Verlangsamung des androgenetischen Effluviums beobachtet.

Pentadecansäuremonoglycerid wird als Lösung 1 – 2 x täglich angewandt und soll das androgenetische Effluvium bei etwa 2/3 der Patienten verlangsamen, zum Teil zum Stillstand bringen. Ein Nachwachsen neuer Haare erfolgt nicht. Minoxidil, als 5 % Lösung 1 – 2 x täglich angewandt, verlangsamt und verhindert das Fortschreiten der Alopezie. Bei etwa 30 % der Patienten wachsen auf bereits kahlen Arealen Haare nach. Etwa 3 Monate nach Absetzen der Lösung erfolgt erneuter Haarausfall. Die innerliche Therapie mit Finasterid, 1 mg täglich, stabilisiert bei Männern in den frühen Stadien der androgenetischen Alopezie den Haarausfall. Ein Nachwachsen von feinen Vellushaaren und normalen Terminalhaaren im Bereich bereits kahler Areale wird beobachtet. Die Therapie sollte möglichst frühzeitig einsetzen. Der Haarverlust wird so stabilisiert. Nach Absetzen von Finasterid ist innerhalb von 2 Jahren mit einem Fortschreiten des Haarverlusts zu rechnen. Ein Zurückweichen der seitlichen Stirn-Haar-Partien („Geheimratsecken“) kann durch Finasterid nicht verhindert werden.

Die Eigenhaartransplantation wird bei schweren Formen der Glatzenbildung eingesetzt. Hierbei werden kleine Haarbüschel oder Einzelhaare als Mini- und Mikrografts aus dem erhaltenen Haarkranz in den Alopeziebereich verpflanzt. Dies ist mittlerweile eine etablierte, sichere Methode mit zum Teil dauerhaften Haarerhalt. Doch wird nur eine geringe Haardichte erreicht. Die Therapiekosten sind relativ hoch. Die Verpflanzung von Kunsthaaren hat sich nur bedingt bewährt, da häufig stark entzündliche Fremdkörperreaktionen auftreten. Kosmetisch befriedigender ist häufig das Tragen von Toupets bzw. Perücken. Auch lässt sich der Haarersatz mit dem eigenen Haar verflechten. Die Fachberatung erfolgt durch die Frisöre.

Anders als beim Mann hat die androgenetische Alopezie bei der Frau einen hohen Krankheitswert durch die „Entstellung“ und die damit verbundene schwere psychische Belastung. Vor einer Therapie müssen immer Störungen des Hormonhaushaltes mit erhöhten Androgenwerten und innerlichen endokrinen Störungen ausgeschlossen werden. Die Behandlung der Alopecia androgenetica bei der Frau erfolgt äußerlich mit östrogenhaltigen Kopfhauttinkturen, die Estradiolbenzoat oder 17-alpha-Estradiol enthalten. Das 17-alpha-Estradiol hat keine systemische sondern nur eine lokale Wirkung. Die Östrogene wirken als Antagonisten an den Androgenrezeptoren der Haarfollikel.

Bei Frauen empfiehlt sich als wirksamste Möglichkeit die innerliche Behandlung mit Östrogenen bzw. Antiandrogenen. Hierdurch soll die Umwandlung von Testosteron in Dihydrotestosteron gehemmt werden. Möglicherweise werden auch die Androgenrezeptoren an den Haarfollikelzellen blockiert. Vorrangig werden Ovulationshemmer mit Cyproteron oder Chlormadinon eingesetzt. Diese Antibabypillen können bei Frauen vor der Menopause meist problemlos verordnet werden. Bei mittelschweren und schweren Formen des Haarverlusts kann zusätzlich zu den Ovulationshemmern Cyproteron zyklusgerecht verabreicht werden. Bei Frauen nach der Menopause wird häufig mit Cyproteron allein therapiert. Jede innerliche hormonelle Behandlung muss streng auf Nebenwirkungen überprüft werden. Die Zusammenarbeit mit dem Frauenarzt ist unbedingt empfehlenswert.

Merke: Oft werden bei jeder Form von Haarausfall – aus Angst vor Haarverlust – die Zeiträume zwischen den Haarwäschen unnötig verlängert. Hierdurch läßt sich kein Haar retten, spätestens bei der nächsten Haarwäsche werden vermehrt Haare ausgewaschen. Durch seltene Haarwäschen werden die Schuppenbildung und je nach Hauttyp auch die Überfettung der Kopfhaut gefördert. Es treten Reizungen und entzündliche Reaktionen der Kopfhaut auf, die dem Haarwachstum eher abträglich sind. Auch bei normalem Haarwuchs ist der Haarausfall am Tag der Haarwäsche verstärkt, am darauffolgenden Tag gegenüber der Norm verringert. So ist die regelmäßige, bei Bedarf auch tägliche Haarwäsche mit milden Shampoos auch bei der Alopezie unbedingt empfehlenswert.